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Geschichten

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Polarkreis 09


Story 04 Matze



Wir haben es Ende März und in den Alpen ist der Winter dem Frühling gewichen. Das heißt braun werden in fünf Minuten, strahlender Sonnenschein und angenehme Temperaturen. Dummerweise aber auch, schlechter, nasser Schnee und wahnsinnig viele Leute. Nix für Leute wie mich, deren Interpretation vom Winter einsame, unverspurte Pulverschneehänge sind. Also dachte ich mir, setzt dich in einen Flieger, mach dich auf die Suche und steig erst wieder aus, wenn du einsame tiefverschneite fahrbare Lines gefunden hast.

Gesagt getan! Also Sachen gepackt den nächsten Flieger gebucht und ab nach Berlin-Schönefeld. Denn von dort aus fliegt die Aeroflot erst nach Moskau und dann nach Tashkent.
Ja, ja, Tashkent ist die Hauptstadt von Usbekistan, das Land des Aralsees und einer über 2000 Jahre alten Geschichte in Zentralasien. Eine Tatsache, die für Leute wie mich viel interessanter ist, sind die Berge des West-Thian-Shan. Einem Gebirge, dessen Gipfel bis auf 4000m reichen und zu dieser Jahreszeit noch tiefverschneit sind. Es lagen da locker noch 4,5m Schnee. Aber erst mal sitze ich noch im Flieger nach Moskau und warte auf die Landung. Ein wenig mulmig ist mir schon beim Gedanken an das Umsteigen und den Flughafenwechsel. Aber wir haben schon andere Sachen geschafft und die frischen Lines vor Augen rücken eh alles andere in den Hintergrund. Also rein ins organisierte Chaos und im Nachhinein betrachtet war's nicht schlimm. Nur etwas russisch halt, aber dafür ist man ja im Mutterland des Kommunismus, also weiter nach Tashkent.

Ankunft 04.00Uhr am Morgen. Es ist dunkel, kalt und erstaunlicherweise sehr ruhig. Die Passkontrollen gehen zügig und ohne Schwierigkeiten vonstatten. In der Empfangshalle werde ich wie vereinbart abgeholt. Inzwischen sind auch alle Mitglieder unsere Gruppe im nur für uns gebuchten Reisebus und warten auf ein warmes, gemütliches Bett im Intercontinental Hotel.
Gegen Mittag ist dann auch der Letzte erwacht und es scheint die Sonne recht warm in Tashkent. Aber erst mal heißt es, auf das Land einstimmen und das macht man am besten bei einer Stadtrundfahrt mit örtlichem Guide. Nach einigen Moscheen, viel Geschichte und landestypischen Essens kommt der beste Teil dieser Erkundungsfahrt, der Basar. Ich glaube das letzte mal hatte ich so etwas in der Verfilmung "des Märchens vom kleinen Muck" gesehen, bleibende Eindrücke.Aber wir sind ja wegen dem Schnee hier und deshalb wird der Bus gegen einen Ural mit Kasten, Schnorchel und Tupolevsitzen eingetauscht. ein recht cooles Gefährt für die Berge. Also ab ins ca. 80km entfernte Hotel im Gebirge nahe dem Heliport.

Nach drei Stunden Fahrt steige ich in 1600 m Höhe aus dem Ural und es ist dunkel, kalt und es SCHNEIT. Zu meiner absoluten Überraschung beziehe ich ein 4**** Zimmer (nach europäischen Standart) in einem Hotel mitten in den usbekischen Bergen. Man kann auch einen einfacheren Bungalow mieten, der aber eher an Ferienlagerzeiten erinnert.
Mittlerweile ist Abendbrotzeit und für uns ist eine große Tafel mit einheimischen Salaten vorbereitet. Aber keine Angst danach gibt es noch zwei Gänge und guten russischen Vodka.
Nach dem Abendbrot gab's das erste Briefing, bei dem sich die Guides vorstellten und die Karten der geplanten Abfahrtsrouten, sowie Sicherheitsinstruktionen besprochen wurden. Und es gab die Information, welche für die nächsten Tage die Wichtigste sein sollte. Der Wetterbericht. Und er versprach für den ersten Tag keine Sonnenschein, dafür aber Neuschnee.
Und als ich erwachte und aus meinem Fenster sah, schneite es wie verrückt. Aber wer lässt sich schon vom Wetter im Zimmer halten, wenn es direkt neben der Hotelterrasse einen Sessellift gibt, der einen auf fast 3000m bringt. Niemand, und so saßen alle fein brav bei dichtem Schneefall im Lift. Allerdings gibt es in usbekischen Skigebieten keine Pistenraupen oder ähnliche Gerätschaften. Das heißt also, man fährt mit dem Lift rauf und Richtung Tal wieder runter, ganz einfach und auf keiner Piste. Ist mal ein anderes Fahren und bei verhältnismäßig guter Sicht eine sehr gute Schlechtwetteralternative.
Nach den ersten Berührungen mit dem mittelasiatischen Schnee geht's natürlich erst mal in die Sauna. Man denke aber daran, dass das alles hier etwas russisch ist, also sehr heiß. Aber man kann sich dann bei ein paar Bahnen im Schwimmbad abkühlen und natürlich auch Vodka trinken. Nach dem Abendessen gab's wieder die wichtigste Info. Und sie prognostizierte Sonnenschein und traumhafte Powderlines. Also Finger weg vom Vodka und ab ins Bett.

Nach 10 Minuten Fahrt zum Heliport steht sie nun vor mir. Eine gutgepflegte, frisch lackierte MI8. Nach Piepsercheck und Safetyinstructions hebt sie mit einem tiefen Grollen ganz ruhig und gelassen ab. Unsere Gruppe ist nun mittlerweile auf 18 Personen angewachsen, denn pro 5 Teilnehmer kommt ein Guide. Wir überfliegen grüne Täler, ausgetrocknete Seen und Flussbetten und steigen immer höher bis das Grün dem Braun, und das Braun endlich dem Weiß weicht. Also raus aus dem Chopper und dann dieser überwältigende Anblick der tiefverschneiten, riesigen Berge. Und nun ab in den frischgefallenen Powder. Aber halt, erst der Lawinencheck und das O.K. des Guides und dann: der Erste fährt, der Zweite und, man gleich wird alles verspurt sein, ich hinterher. Perfekter Schnee Ende März.
Und es nimmt kein Ende. Noch ein Hang und der nächste. Ich denke die ganze Zeit "nun müsste doch der Run gleich vorbei sein und der Hubschrauber auftauchen", aber nein, noch ein Hang und noch einer. Ich hätte nie gedacht das die Berge hier so viel größer sind, denn zu Hause ist ein Hang schon mit 10 Lines total verspurt und hier passen locker noch zehn daneben, ...mächtige Hänge. Also ich hab hier keine Angst mehr vor zerfahrenen Hängen, und wer mich kennt weiß was das bedeutet.
Nachdem wir nun am Heli angekommen sind, ich direkt nach dem Guide, warte ich noch eine viertel Stunde bis auch der letzte wieder da ist. Zeit genug um die gerade wahrgenommenen Eindrücke zu verarbeiten.
Mein Höhenmesser zeigte eine gefahrene Höhendifferenz von knapp 2000m im perfekten Schnee Ende März. Am Ende dieses Tages sollte ich 12.600hm gefahren sein. Da brannten selbst mir die Oberschenkel.

Für die nächsten zwei Tage war schlechtes Wetter angesagt. Also das Schlechtwetterprogramm raus und ab nach Tashkent. Land und Leute kennen lernen und viel Vodka trinken.

Nun endlich wieder schönes Wetter und es sollte mein bester Tag werden mit den besten und schnellsten Lines die ich je gefahren bin. Was soll ich sagen, die Uhr zeigte 14.200hm.
Ohne Worte!

Unser letzter Helitag, etwas ruhiger. Der Tag der großen Sprünge. Und ein perfekter Tag in den usbekischen Bergen. Nun ist unser Höhenmeterkonto entgültig überzogen und die Uhr der MI8 zeigt 30.400 geflogene Höhenmeter. Gefahren sind wir aber grandiose 42.000 hm, denn der letzte Run des Tages zählt nicht beim Helikopter. Besser für uns.
Es bestand die Möglichkeit nächsten Tag weiterzufliegen, aber das ist eine Gruppenentscheidung, da der Chopper nach Höhenmetern bezahlt wird und nicht nach Gruppenstärke.

Unser letzter Tag in den Bergen bestand aus Sachen packen und Abschied nehmen: von der Crew, dem Personal und dem guten usbekischen Schnees. Also wieder rein in den Bus und zurück ins Intercontinental. Dort ging dann jeder noch mal seiner Wege, manche zum Sightseeing, manche zum Basar um für die Daheimgebliebenen einen Turban zu kaufen, oder einfach nur zum chillen bei angenehmen 16°C Außentemperatur.
Aber keine Reise endet ohne Feier. Und so sahen wir uns alle zum Abendbrot in einem im klassisch usbekischem Stil ausgestattetem Restaurante wieder. Nach dem guten Essen wurden die Erlebten Eindrücke nochmals ausgetauscht und natürlich Vodka getrunken, bevor es dann früh um 02.30 Uhr zum Flughafen ging und jeder die Rückreise antrat.

Zwanzig Stunden später saß ich dann im Zug kurz vor meinem Heimatbahnhof und hatte immer noch die fetten Lines in meinem Kopf.

Pure Riding
Soulriding...
Matze





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