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Polarkreis 09


Polarkreis 09

68° nördliche Breite, Russland – Kirovsk

Wir haben es Ende März und zu Hause hält langsam der Frühling Einzug. Die ersten Sprossen sprießen, Schneeglöckchen recken ihre Hälse der Sonne entgegen und die Krokusse bringen langsam wieder etwas Farbe in die Gärten. Alles sehr schön und eigentlich liegt noch genügend Schnee in den heimischen Bergen, aber die täglich kräftiger werdende Sonne frist nun doch guten Powder. Wir waren schon lang auf der Suche nach einem Spot, an dem man den Winter um ein paar Monate verlängern kann, ohne gleich 15 Stunden um die Welt zu fliegen und Mengen an Euros zu verbrennen.
Und wir haben in endlich gefunden, im hohen Norden Russlands auf der Kola Halbinsel im Murmansker Bezirk, nördlich des Polarkreises.

Die Reise beginnt an einem beliebigen Flughafen in Deutschland mit dem Ziel Stankt Petersburg.

Tag 0-1  St. Petersburg - Venedig des Nordens

Pünktlich zum Kaffee landet unser Flieger bei leichtem Schneetreiben in St. Petersburg. Die Einreiseformalitäten und Gepäckabholung erfolgen schnell und verlaufen viel leichter als erwartet. In der Empfangshalle werden wir schon von unserem Fahrer erwartet. Nach ein paar Minuten des Tetris Spielens mit unseren Taschen geht’s zu unserem Hotel in der Innenstadt. Gebucht haben wir das Petro Palace Hotel nahe des Newski Prospekt, einer der berühmtesten Straßen Russlands. Unser Weg dorthin ähnelt einer ersten kleinen Stadtrundfahrt vorbei an der St. Isaac Kathedrale und dem Winterpalais.
Nach Beziehen der Zimmer geht es zu Fuß durch die Stadt. Genial, wir sind mitten im Zentrum. Nach einem wirklich guten Abendessen im Restaurant Stroganoff genießen wir noch ein wenig das Nachtleben. Am nächsten Morgen starten wir zu einer kleinen Stadtbesichtigung die an der Peter und Paul Festung enden wird. Witzig ist nur, dass wir auf der gefrorenen Newa spazieren gehen, Mützen und Handschuhe tragen, während an der Mauer der Festung die Einheimischen Beachvolleyball spielen und sich sonnen… Fast Nackt!! Ja richtig gelesen, nur mit Unterhose und Schuhe bekleidet. 

Gegen 16.00 Uhr brechen wir zum Bahnhof auf und beziehen den Wagon der Ersten Klasse. Die Schaffnerin, welche uns auf unserem langen Weg mit Tee, Wodka und Essen versorgen wird, schaut etwas komisch als sie unser ganzes Gepäck sieht und weißt uns den Weg zu unseren Abteilen.

Tag 1-2 Nachtzug nach Apatity

Mit einem kurzen Ruck setzt sich der Zug Richtung Norden in Bewegung. Wir haben leider immer noch keinen Plan wie wir unsere Boardbags in dem Abteil verstauen sollen, denn diese sind leider etwas zu lang, aber nach einer Weile Tetris werden diese einfach eingeklemmt. Am Fenster wechselt das Bild zwischen kleinen Dörfern, Siedlungen mit Datschen und verlassener Wildnis, natürlich alles in weis versteht sich.
Wir genießen die Ruhe und Gemütlichkeit im Zug bis wir Hunger bekommen. Im Zug gibt es ein Restaurant und der Weg dorthin führt die Wagons der Zweiten und Dritten Klasse. Gut das wir die Erste gebucht haben. Im Restaurant dauert es natürlich nicht lang, bis wir den ersten Wodka spendiert bekommen. Mit unseren neuen russischen Freunden vergeht die Zeit sehr schnell. Zwischendrin hält der Zug immer mal wieder an größeren Bahnhöfen an und man kann sich bei Minusgraden die Füße vertreten. Gegen 1Uhr gehen wir dann zu Bett und werden bis sehr lang und tief schlafen. Kurz nach dem Aufstehen sieht die Landschaft immer noch so aus wie beim zu Bettgehen, flach, weiß und Bäume. Doch kurz nach dem Mittagessen kommen die ersten Hügel und Seen in Sicht. Gespannt stehen wir am Fenster und schauen nach draußen. Bald sind wir am Ziel und die Berge am Horizont versprechen viel.

Tag 2-3 Kirovsk – Die Skigebiete

Vom Bahnhof in Apatity bis nach Kirovsk sind es nur 20 Minuten Fahrt, aber der Blick auf die weißen Berge lassen die Vorfreude auf gute Lines ins unermessliche steigen. Allein auf dem Weg nach Kirovsk entdecken wir unzählige fahrbare Lines direkt neben der Straße und wie wir erfahren werden, sind diese per Lift erreichbar. Unser kleines gemütliches Hotel gewährt einen Blick bis nach Apatity im Tal, bei strahlendem Sonnenschein und – 15 Grad Außentemperatur. Nach dem Abendessen im hauseigenen Restaurant besprechen wir den Ablauf der nächsten Tage und gehen voll großer Erwartungen zu Bett.
Es gibt drei unterschiedliche Berge in Kirovsk an denen es Lift gibt, und keiner öffnet vor 10 Uhr. Wozu auch, soviel ist hier nicht los und dunkel wird es erst gegen 19.30 Uhr. Wir haben uns für heut Vormittag ein paar alte Schlepplifte ausgesucht, welche einen Berg mit 3 steilen Flanken erschließen. Tja jedem seine Line, jedem seine Rinne, jedem sein Spaß im russischen Powder oberhalb des Polarkreises.
Und die Aussicht in die umliegenden Berge ist gigantisch. So viel zu verspuren, so ein riesiger Spielplatz und außer uns niemand da, der uns die Lines streitig machen will. Gegen Nachmittag wechseln wir zu einem anderen Lift, einem anderen Berg und neuen fast unendlichen Möglichkeiten bei strahlendem Sonnenschein und frischem Powder.
Nach einem super Tag fahren wir in unser Hotel und lassen bei gutem Essen den Tag Revue passieren. Super, morgen geht’s per Schneemobil in die Wildnis.

Tag 4  Kirovsk – Die umliegenden Berge

Ein Taxi bringt uns zur Base an der schon unsere Schneemobile bereit stehen. Wir sind 6 Rider plus unser Guide, also haben wir 4 Schneemobile, welche uns in den nächsten Tagen noch ans Herz wachsen werden. Wir verstauen unsere Bretter und Rucksäcke auf den Schneemobilen und rasen mit Vollgas unserem Guide hinterher. Der steuert gleich mal einen zugefrorenen See an, über den wir dann mit 60 km/h drüber fliegen. Danach geht’s direkt bergauf. Das Fahren zu zweit im tiefen Schnee ist gar nicht so leicht, aber nach ein paar
Versuchen und extremer Schräglage klappt auch das. Oben angekommen erstreckt sich ein Plateau auf dessen Rücken man eine Menge Rinnen, Rücken und Bowls per Schneemobil erreicht. Die Lines sehen verspielt, steil, quasi viel versprechend aus und das Beste… sie sind es auch. Die meisten der Lines Enden am Rand des großen zugefrorenen Sees. Dort steht auch schon das Schnee – Taxi „Jeeehh - Noch mal bitte!“.
Zwei unserer Jungs suchen sich eine Line durch steiles felsiges Gelände und treffen doch bei Ihrer Abfahrt glatt ein paar Alpinisten beim Klettertraining. Die müssen echt komisch geschaut haben, als da zwei Snowboarder runter kamen.

Tag 5   Kirovsk – Tachtarwumtschor

Neue Berge neues Glück. Heut fahren wir mit Anhänger, in dem unsere Sachen für zwei Tage verstaut werden, denn wir werden die nächsten zwei Nächte in einer alten Geo Station mitten in den Bergen verbringen. Aber zu erst gehen wir noch Snowboarden. Für heut haben wir uns eine riesige Bowl ausgesucht, welche sehr steile Lines ermöglichen soll. Schon die Anfahrt dahin ist atemberaubend. Als die Rinnen und Wände näher kommen, hat sofort jeder seine eigene Idee, wo er unbedingt runterfahren will. Gesagt getan. Was soll ich hier beschreiben? Hmm… super Schnee, strahlender Sonnenschein und Lines die an Alaska erinnern mitten in Europa. Na ja am Rand von Europa.
AK- Style im Marlboro Country in Russland. Das passt!!!

Nach dem fahren geht’s tiefer in die Berge hinein. Wir rasen mit Vollgas durch weite Täler mit leichter Vegetation. Ein paar einzeln stehende Bäume markieren den Weg und uns frieren die Nasenspitzen ab. Eine Oma, Gesichtsmaske oder mindestens ein Tuch sind unerlässlich, wenn man nicht mit Erfrierungen vom Schneemobil steigen will. Die Fahrt dauert knapp 20 Minuten und endet an besagter Geo Station. Wir hatte ja alle so unsere Vorstellungen von alten russischen Stationen mitten im Wald, aber diese war warm, sauber und hatte einer super Köchin. Eigentlich dachten wir, wir wären hier allein in der Kälte, im Wald, irgendwo oberhalb des Polarkreises, Mitten im Nirgendwo, aber weit gefehlt, hier trafen wir all die Leute aus dem Nachtzug wieder, mit einer Skiausrüstung die selbst mein Großvater als Antik bezeichnet hätte. Holzski mit Lederriemchen, die Moderneren hatten sogar schon Schraubkanten. Wie ein lebendes Skimuseum. Auf unsere Frage hin, wo sie denn alle schlafen, hier in der kleinen Station sei ja nicht so viel Platz, erzählten sie mit einem Lächeln, dass sie unten am zugefrorenen Fluss zelten. Ja richtig gelesen „zelten“. Und das Thermometer zeigt -27°C an. Die sind einfach anders die Russen… ach ja Skifahren können sie auch nicht, sie laufen nur so bisschen hin und her, das macht jede Menge Spaß. Zitat ende.

Tag 6  GEO Station – südlicher Russtschor Pass

Klopf, Klopf. Die Köchin schmeißt uns aus den Betten, denn sie hat unser Frühstück schon am Tisch stehen. Man hab ich gut geschlafen. Also schnell gegessen und rauf auf unser neues Lieblingsspielzeug der Marke Skidoo. Wir werden heut die Berge rund um einen Bergpass erkunden. Auch hier bieten die Berge schöne Lines, guten Schnee und ein neues wundervolles Panorama. Heut ist es wirklich kalt und ich bin sichtlich froh, als wir gegen Mittag wieder zur Station zurückfahren um unser Mittagessen einzunehmen. Und wir müssen pünktlich sein, um unsere Köchin nicht zu verärgern. Nein, Valentina ist die gute Seele des Hauses und eine vorzügliche Köchin noch dazu. So jemanden lässt man einfach nicht warten.
Etwas dicker bekleidet und gestärkt geht’s wieder an den Berg. Diesmal fahren wir die andere Seite des Passes. Die Sonne verschwindet, Wolken ziehen auf und es beginnt zu schneien. Wir haben alles im Kasten und fahren gegen 17.00 Uhr zurück zur Station. Aber nein, wir fahren noch ein Stück weiter, denn hinten im Wald haben unsere Guides in der letzten Nacht schnell mal ein Kaffee aus Holzstämmen gebaut und feiern heut Eröffnung. Zu unserer Überraschung sind wir auch nicht die ersten Gäste. Es gibt Parkgelegenheiten für die Schneemobile, chillige Musik, eine Mikrowelle, einen Grill, frischen Glühwein über offenem Feuer und ein paar tische und Bänke aus frisch geschlagenen Holzstämmen. Das ganze ist umsäumt von einer Mauer aus Schnee, ganz idyllisch an einem Fluss mitten im Wald. Nicht weit davon sehen wir auch eines der Zeltlager. Für uns gibt es das Khibiny Menü, bestehend aus einem Wodka der Marke Kalaschnikow und einer Scheibe Brot belegt mit einem Stück weisem Fleisch, ich weiß bis heut nicht was das war, garniert mit ein paar Zwiebelringen. Dankend nehmen wir auf den mit Fällen belegten Bänken Platz und lassen es uns schmecken. Ach ja zur Erinnerung, es sind – 20°C Lufttemperatur.

Nach einer gemütlichen Stunde geht’s wieder heim zur Station, denn dort wartet schon die vorgeheizte Sauna auf uns. Hier heißt das Banja und man fördert mit ein paar Schlägen von Birkenzweigen die Durchblutung. Danach geht’s direkt in den zugefrorenen, zugeschneiten Fluss, welcher extra zu diesem Zweck ein Loch im Schnee und im Eis als Zugang hat. Ein Seil soll helfen, das man da auch wieder rauskommt.

Tag 7   Abschied der Berge

Leider schneit es immer noch, es sind jetzt fast 30cm Neuschnee gefallen und die Sicht ist schlecht. Also beschließen wir ein wenig mit den Schneemobilen die Gegend zu erkunden. Vollgas geht’s durch den Wald, über zugefrorene Seen, vorbei an Felsen und Bergen. Alte Iglus säumen den Weg, welche sicherlich von unseren russischen Kameraden benutzt wurden.
Eine Abfahrt durch ein frisches staubtrockenes Powderfeld lässt den Pulver haushoch sprühen.
Nach dem Mittagessen treten wir unsere Heimreise an. Kurz vor Kirovsk wird unser Guide noch einen kleinen Wächtensprung mit seinem Schneemobil inklusive Anhänger und Beifahrer wagen. Aus klein wurde groß und kostete ein Rücklicht. Respekt, denn das waren doch fast 3 Meter. Zurück in unserem Hotel reißt der Himmel wieder auf und zeigt uns Kirovsk noch mal frisch verschneit. Was für ein Gebiet. Unsere Herzen hat es auf alle Fälle erobert. Den Abend werden wir im besten Restaurant der Stadt ausklingen lassen, typisch russisch. Aber das muss jeder selbst mal mitgemacht haben.

Tag 8   Murmansk

Am frühen Morgen starten wir per Minibus Richtung Murmansk. Unser VW Transporter hat einen Anhänger in dem neben dem Schneemobil des Fahrers, der nimmt nämlich an einem Rennen in Murmansk teil, auch unsere Boardbags platz finden. Vollgas geht es dann ca. 2 Stunden über die gute Straße. Straßenschilder am Rand weisen den Weg, so auch nach Stankt Petersburg mit nur 1250 km Entfernung.
In Murmansk beziehen wir unser Hotel und machen uns auf die Suche nach der alten verrosteten Eismeerflotte. Doch außer dem Atomeisbrecher „50 Let Pobedy“(50.Jahrestag des Sieges) fanden wir keine der legendären Schiffe und U-boote. Wie wir etwas später von einem alten Seemann erfahren werden, wird der Fjord gerade gesäubert und der Rest der Eismeerflotte liegt nördlich von Murmansk im Sperrgebiet. Egal, also machen wir weiter eine Sightseeing Tour durch eine der hässlichsten Städte die ich je gesehen habe. Die Tour endet dann in einem wirklich schönen Kaffee bei einer Tasse Capuccino und einem Stück Käsekuchen. Unseren Abschied feiern wir in einem angesagten Murmansker Club.

Tag 9   Heimreise

Ganz unspektakulär besteigen wir am morgen die TU 134 und fliegen samt unserem Gepäck nach Stankt Petersburg. Dort gehen wir noch mal Mittag essen und fliegen am Nachmittag zurück nach Deutschland.

Fazit :

Ein Trip voller Erwartungen die Alle übertroffen wurden. Schönen Bergen mit viel potenzial für steile Lines bei gutem Schnee. Netten Leuten mit einer unglaublichen Gastfreundschaft, die man so schnell nicht vergessen wird. Jede Menge Spaß im Schnee bei Minusgraden und Sonneschein. Wir sind Geflogen, Zuggefahren, Busgefahren und mit Schneemobilen über vereiste Seen gerast und haben uns selten so frei und wohl gefühlt.

Marlboro Country für Schneesüchtige im AK Style.





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